Kleiner Methodentipp: Punktabfrage ohne soziale Erwünschtheit

Wer viel mit Gruppen arbeitet, zum Beispiel im Training oder bei der Moderation von Workshops, kennt sie bestimmt: Die Ein-Punkt-Abfrage. Um schnell ein Stimmungs- oder Meinungsbild aus der Gruppe zu erhalten, ohne das Groupthink-Phänomen dazwischenfunken zu lassen, wird rasch eine Skala an die Pinwand gezaubert und die Teilnehmer bekommen je einen Klebepunkt. Mit denen sollen sie sich dann anhand einer bestimmten Frage auf der Skala verorten.

Dieses Methödchen eignet sich hervorragend für alle möglichen Zwecke. Man kann damit zum Beispiel zu Beginn eines Trainings die Selbsteinschätzungen zum bisherigen Wissensstand fix abfragen. Oder man lässt die Teilnehmer den weiteren Verlauf einer Veranstaltung mitbestimmen, indem man punktuell nach der wahrgenommenen Geschwindigkeit (+10: „ist mir zu schnell“ bis -10 „ist mir zu langsam“) oder dem Praxisbezug („bitte mehr praktische Übungen / bitte mehr theoretischer Input“) fragt. Oder oder oder.

Böse Falle: Die soziale Erwünschtheit.

Nun passiert in der Praxis aber manchmal etwas Merkwürdiges: Die Teilnehmer sitzen, nachdem sie zum Beispiel zu Beginn eines Führungstrainings gefragt wurden, wie sie ihre bisherige Führungskompetenz einschätzen, ein paar Sekunden da und überlegen. Wo bin ich schon gut, wo noch nicht so? Aber so insgesamt, auf einer Skala von 1 bis 10, hmm, wie schätze ich mich ein? Wenn ich mich jetzt als Einziger bei der 9 einschätze, muss ich dann hier den ganzen Tag vortanzen? Wenn ich mir als Einziger nur eine 2 gebe, traut mir dann keiner mehr was zu? Während sie so dasitzen, schreitet irgendjemand mutig voran und setzt seinen Punkt – alle halten den Atem an – auf die sieben. Nun schlendern nach und nach alle zur Pinwand und setzen ihre Punkte. Und als alle wieder sitzen, hat sich um die sieben ein großer Knubbel gebildet.

So ging es mir des Öfteren in Trainings oder Workshops. Irgendwann fing ich an, die Pinwand umzudrehen und die Teilnehmer auf der Rückseite kleben zu lassen, damit wenigstens ein Gefühl von Anonymität aufkommt. So richtig geholfen hat das aber nicht.

Dann die bahnbrechende Lösung.

Bis mir jemand eines Tages einen simplen Tipp gab: Lass doch die Teilnehmer vor dem Drangeklebe die entsprechende Zahl klein auf den Punkt schreiben. Hab’s probiert und siehe da: Wer sich vorher ganz für sich allein auf einen Wert festlegen muss, fühlt sich anschließend viel stärker daran gebunden. Und das bringt am Ende ein viel differenzierteres Bild, mit dem sich anschließend gut weiterarbeiten lässt.

 

 


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